Ein Schuhkarton geht auf die Reise...

Verfasst am: 04.04.2022

Am Freitag, 25.03.2022, starteten wir, zwei Mütter - Miriam und Silke - und ein Schüler - Max (15 Jahre, 10. Klasse) - mit dem Auto an die polnisch-ukrainische Grenze. Ein vollgepackter LKW mit mind. 10 Tonnen Hilfsgütern und mehr als 400 gepackten Schuhkartons wurde mit einem LKW separat auf die Autobahn geschickt.

Seit Samstag, 19.03.2022, wurde eifrig gesammelt, sortiert und Kisten gepackt. Die Spenden konnten nicht nur an unserer Schule, sondern auch an zwei weiteren Stellen in Ingelheim und in der Lagerhalle der Fa. La Siesta in Bingen-Kempten abgegeben werden. Durch Zufall erfuhren wir von einer sog. Schuhkarton-Aktion von Boehringer Mitarbeitern in Biberach. Schnell dort angefragt, ob man dies kopieren kann, und schon wurde diese Aktion auch in Ingelheim in Zusammenarbeit mit Boehringer Ingelheim gestartet. Was für ein Zusammenhalt – alle mit dem gleichen Ziel: Der Bevölkerung in der Ukraine zu helfen.

Diese Aktion wurde über alle verfügbaren Kanäle ab Dienstag, 22.03., bekannt gegeben. Nie haben wir damit gerechnet, dass wir mehr als 400 Schuhkartons erhalten. Zu dieser Aktion brachten die Spender auch noch Medikamente, Verbandsmaterial, stilles Wasser, Nahrungsmittel, Konserven, Babynahrung, Windeln, Hygieneartikel, Rucksäcke, Gürtel, Isomatten, Schlafsäcke, etc. mit.

Die Hilfsbereitschaft war überwältigend. Die Schuhkartons stapelten sich an allen Annahmestellen, so dass zwei Lernbegleiterinnen mehrmals von Ingelheim nach Bingen fahren mussten, um alles zur lokalen Sammelstelle zu bringen. Diese Aktion entwickelte ein Schneeballsystem, so dass aus verschiedenen Gruppen Spenden angeliefert wurden. Das Pack-Team kam gar nicht mehr hinterher mit Sortieren und Verpacken. Ein riesiger Berg an Verpackungsmaterial türmte sich in der Mitte der Halle auf. Alle ukrainischen Flüchtlinge, die bei einigen aus dem „MonteHelps-Team“ aufgenommen wurden, packten kräftig mit an. So konnten sie sich beim Packen austauschen und hatten das Gefühl, etwas für ihr Land und Zurückgebliebene tun zu können.

Am Ende gingen dann über 42 „rote Kisten“ nur mit Medikamenten und Verbandsmaterial, 12 vollgepackte Paletten mit diversen Spenden, drei Paletten nur mit Schuhkartons, ca. 50 einzelne Kartons mit diversen Materialien, über 30 Isomatten, ein Karton mit Gürteln, sechs Kartons Schlafsäcke, ca. 40 Rucksäcke und zehn Kisten frische Äpfel à 10 kg Inhalt in den LKW.

Unser LKW kam dann pünktlich am Montag gegen 9 Uhr an der polnisch-ukrainischen Grenze an. Wir waren bereits mit dem PKW in den Transitbereich der Ukraine eingereist. Dort ging dann leider nichts mehr weiter. Was wir vorab nicht wussten, der LKW hatte keine Versicherung, um in die Ukraine einzureisen. Jetzt fing ein reines Chaos an. Wir in der Ukraine. Der LKW in Polen im Transitbereich. Miriam ging zu Fuß zurück über die Grenze nach Polen, um mit dem Fahrer weiteres zu besprechen. Sie musste den normalen Weg nehmen, den auch die flüchtenden Mütter mit ihren Kindern nehmen mussten. Eigentlich kein so langer Weg, aber überall mussten die Personalien geprüft und geklärt werden. Angekommen beim Fahrer dann die Ernüchterung: Es geht hier nicht weiter. Was aber nun tun?

Unser LKW in der Ukraine stand nun schon seit dem frühen Morgen mit drei Helfern auf einem Parkplatz und hat auf diese dringenden Spenden gewartet. Kleine Sprinter im Grenzbereich mieten und alles umladen? Geht nicht! Wir benötigen dann mindestens sechs davon oder müssen sechsmal fahren. Der LKW musste aber nun schnellstens leer werden.

Eine Lernbegleiterin half uns beim Übersetzen, da der Fahrer nur polnisch sprach. Eine weitere Mutter telefonierte aus dem Team in Deutschland alle Speditionen ab. Eine andere nahm Kontakt zum Generalsekretär der Malteser auf. Immer die Disponentin unseres Fahrers im Nacken, dass wir Gas geben müssten, denn der LKW musste jetzt sofort leer werden.

Miriam machte sich wieder auf den Weg von Polen in die Ukraine. Wollte sie zumindest. Gar nicht so einfach, denn man darf nur mit einem Auto einreisen, aber nicht zu Fuß! 50 Grenzbeamte, die alle kein Englisch sprachen. Dann endlich einen gefunden, der das Problem verstand und ihr helfen konnte. Er schickte sie zu einer jungen Frau. Alishia. Sie macht den ganzen Tag nichts anders, als Frauen und Kinder mit dem privaten Auto der Familien aus Lwiw an die Grenze zu bringen. Danach fährt sie das Auto wieder zurück zum Ehemann. Viele Frauen haben in der Ukraine keinen Führerschein.

Alishia bot Miriam an, dass sie mit ihr über die Grenze fahren kann. Denkt aber nicht, dass dieses ganz schnell erledigt ist. Nein! Es dauert mind. eine Stunde, bis man von Polen in die Ukraine einreist. Alishia hörte sich die Problematik an und sagte ebenfalls zu, alles in Bewegung zu setzen, so dass uns geholfen wird. Auch sie kam dann mit diversen Ansprechpartnern und Organisationen auf uns zu. Was sollten wir nur tun? Was war richtig und was war falsch? Wem könnten wir unsere Ware anvertrauen? Wir wollten diese doch persönlich unseren Kontaktleuten übergeben.

Max und Silke wartend im Auto auf der Seite der Ukraine. Bei der Einreise bekommt man einen Einreisezettel – nicht sehr groß – sehr schnell zu verlegen oder auch zu verlieren. Ohne diesen Zettel, mit am Ende drei verschiedenen Stempeln darauf, kommt man nicht mehr aus der Ukraine raus und nicht nach Polen. Miriam hatte diesen Zettel bei sich, somit war dieser nicht mehr im Auto bei Silke und Max, keine Chance für eine Ausreise.

Max, der Schüler, traf in der Nacht zuvor an der Rezeption des Hotels zwei Leute von der Organisation „Apotheke ohne Grenzen": Ute und Jochen. Wir tauschten uns kurz aus, was macht wer? Ein Zufall, der unsere Rettung sein sollte. Denn beim Frühstück trafen wir die beiden wieder und fragten nach deren Visitenkarte, falls man sich vielleicht mal gegenseitig helfen könnte. So eine Schicksalsfügung.

Nun kam uns im Grenzgebiet die Idee: Wir rufen Jochen an. Er hörte sich unser Problem an und versprach Hilfe und Unterstützung. Es dauerte dann nicht lange und er konnte uns ein Lager und eine Ansprechpartnerin vermitteln, die sich um alles Weitere kümmern kann. Wir benötigten nun aber auch noch einmal ca. drei Stunden für die Ausreise. Bei dieser Ausreise kam es zu sehr emotionalen Momenten. Wir sahen die vielen Mütter mit Kindern zu Fuß nach Polen laufen. Sie hatten alle nur sehr wenig Gepäck bis gar nichts bei sich. Ältere, gebrechliche, weinende und ganz junge Menschen.

Silke stellte sich an einem der Kontrollstellen an. Es gibt zwei verschiedene Kontrollstellen. Man muss wissen, dass man erst zu der einen geht und dann erst zur anderen. Diese Reihenfolge muss eingehalten werden. Aber woher wissen, wenn man die Sprache nicht kann und die Schriftzeichen anders sind. Es war so kalt und sie stand nur im T-Shirt dort. Ältere Frauen boten ihr ihre Jacke an. Sie hatten sonst nichts mehr und wollten die Jacke vorübergehend abgeben.

Ein Mann aus der Gruppe kam dann auf sie zu. Er sprach Englisch und fragte, was sie hier mit einem deutschen Pass tat. Silke erklärte die ganze Situation. Er war ergriffen von der Hilfsbereitschaft, hämmerte gegen die Scheibe einer Kontrollstelle und forderte aufzumachen. Die Wärterin hörte sich missmutig sein Anliegen an und feuerte das Fenster wieder zu. Es hieß weiterhin warten.

Dieser Mann erzählte dann, dass er seine Frau, seinen Sohn, die Schwägerin mit Nichte nun über die Grenze bringen werde. Sie werden zu Verwandten nach Düsseldorf gehen. Er sah für seine Familie keine andere Chance mehr. Er zückte sein Handy und zeigte fantastische Aufnahmen seines wunderschönen Anwesens und Hauses. Dann zeigt er das nächste Foto. Es stand nichts mehr von dem Haus, nur noch Schutt und Asche. Lediglich der Schornstein vom Haus stand noch da. Ansonsten nichts!

Er sagte ihr dann, dass sie nur noch das Besitzen, dass nun vor Silke stand. Sie haben ihre Kleidung und die Dokumente und ein wenig Geld.

Und dann kniete dieser Mann vor Silke auf der Erde. Die Hände gefaltet, zum Himmel gestreckt und sagt die Worte: Thank you Germany, Thank you, Silke and friends, Thank you Europe for all your kind help in this terrible time. It will be helpful for the Ukraine people. Die Tränen liefen. Silke bat ihn inständig aufzustehen. Ein paar Menschen drumherum klatschten leise Applaus. Sie hatten wohl bemerkt, was hier besprochen wurde. Silke und der Mann umarmten sich weinend.

Diese Situation half aber. Das Fenster flog auf. Die Beamtin riss ihr die Pässe und den so sehr wichtigen Zettel aus der Hand und haute den dringend notwendigen Stempel darauf. Glücklich ging es zum nächsten Fenster. Hier hieß es dann „Face Control“. Also rennen! Schnell Miriam und Max aus dem Auto holen zur "Face Control". Alles lief reibungslos. Der nächste ersehnte Stempel und nix wie an die polnische Grenzkontrolle. Vorab aber den wartenden Kindern und dem kurz kennengelernten Mann noch ein paar Schuhkartons verteilt. Alle waren überrascht und haben sich so darüber gefreut.

An der nächsten Kontrolle mussten wir dann wieder ganz viele Fragen beantworten. "Wie viel Sprit ist im Tank, haben Sie Alkohol, Drogen oder Zigaretten dabei?" Hatten wir alles nicht. Nur ca. 40 Liter Sprit.  Hoffentlich wird das nicht kontrolliert. Ein netter polnischer Fahrer half uns, indem er uns immer wieder sagte, wo wir hin gehen sollten und was benötigt wird.

Dann kam der Clou: Es mussten alle Türen vom Auto geöffnet werden. Wir hatten nur das Problem, dass an der Motorhaube etwas abgebrochen war, so dass es nur mit Hilfe einer Zange möglich war, diese zu öffnen. Zwei Frauen und ein Jugendlicher schraubten an der Motorhaube im Grenzbereich rum. "Ganz toll….geh bitte auf!" Der nette Fahrer kam uns auch hier wieder zu Hilfe. Er konnte diese öffnen. Welch Zufälle und Hilfe.

Die Beamtin kam zum Kofferraum. Hier waren noch Schuhkartons drin. Sie entschied dann wahllos, welche vier Kartons geöffnet werden müssen. Und da war er wieder: Unser netter Helfer. Mit Hilfe seines Autoschlüssels öffnete er die Kartons. Alles wurde genehmigt und wir bekamen auch hier die letzten Stempel. Endlich durften wir raus. Dem netten Helfer schenkten wir vorab noch einen Karton.

Auf der polnischen Seite standen dann die Hilfsorganisationen parat und nahmen die ankommenden Flüchtenden in Empfang. Hier gab es Decken, Essen, Trinken und für den Notfall auch Krücken, Rollstühle und Rollatoren.

Zeitgleich schickten wir nun den LKW an die neue Adresse, die aber noch ca. 40 km entfernt war. Wir fuhren ebenfalls zu dieser genannten Adresse. Ein Warenumschlagsplatz von DHL. Das würde bestimmt ein großes Logistikzentrum sein. Unsere Ansprechpartnerin hatte schon Feierabend, sie wollte aber auf alle Fälle auf uns warten. Es war mittlerweile 18:30 Uhr. Das hieß, wir waren mehr als acht Stunden damit beschäftigt in die Ukraine ein- und wieder auszureisen.

Jetzt schickten wir erst einmal unseren wartenden LKW mit den drei Helfern in der Ukraine weg. Es war jetzt klar, dass wir keine Ware mehr am gleichen Tag in die Ukraine schicken können.

Im Warenumschlag von DHL angekommen traf uns fast der Schlag. Das kann doch nie im Leben ein Logistikzentrum sein? Es war mehr oder weniger ein größerer Schuppen, aber kein Logistikzentrum. Auf erneute Nachfrage bei Jochen und Ute von „Apotheker ohne Grenzen“ stimmte diese Adresse aber. Sie selbst hatten auch ihre Medikamente genau an diesem Ort umgeladen. Na, dann konnten wir ja vertrauen. Die beiden waren schon wieder auf der Rückreise in Richtung Deutschland, waren aber noch nicht so weit gefahren, so dass sie kurzfristig entschieden: Wir fahren zurück zu unseren neuen Freunden. Was für großartige Menschen!

Unsere Ansprechpartnerin und Lagerhalle stellten sich nun als absoluten Glücksfall heraus. Wir besprachen die Feinheiten, sie erstellte die benötigten Dokumente, konnte mit unserem Ansprechpartner Peter in der Ukraine in der Landessprache kommunizieren und alle weiteren Schritte besprechen. Denn diese Spedition sagte uns zu, dass die Ware nicht nur bis hinter die Grenze gefahren werde. Nein, sie fuhren alles direkt an den Zug nach Lwiw. Somit alles viel einfacher und unkomplizierter für uns alle.

Plötzlich standen dann auch Ute und Jochen wieder auf dem Hof. Es tat so gut, die beiden noch einmal zu sehen und wir konnten uns persönlich für all die Hilfe bedanken. Kurz darauf bog dann auch unser LKW auf den Hof. Was für eine Freude! Alles kam an und lief nun.

Wir drei gingen nun allerdings davon aus, dass wir eine lange und schwere Nacht auf diesem Hof haben werden. Denn wir dachten, der komplett volle LKW müsse von uns selbst entladen werden. Dies war aber auch nicht der Fall. Auf einmal stand ein Mann vor uns, der für das Lager zuständig war und helfen würde. Was für ein Segen. Aber es kam noch besser: Auf einmal kamen aus dem Dunkeln heraus drei weitere Helfer und unser LKW-Fahrer packte auch noch kräftig mit an. Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Alles lief so reibungslos. Die Männer waren so routiniert, so dass der LKW innerhalb von 30 Minuten leer war.

Wir konnten befreit und glücklich, nach einem kurzen Fast-Food-Abendessen um 20 Uhr, in Richtung Heimat aufbrechen. Immerhin hatten wir noch 1.200 km vor uns.

Der LKW sollte dann am nächsten Tag beladen werden und nach Lwiw fahren. Dies verschob sich noch einmal um einen Tag , da noch Papiere fehlten. Wir beteten und zitterten, ob diese Entscheidung wirklich gut war. Ja, das war sie! Am Donnerstag bekamen wir Videos und Bilder von unserem glücklichen Ansprechpartner in der Ukraine, dass alles an der ersten Station angekommen sei. Eine Palette mit Schuhkartons wurde in ein Auto gepackt. Dieses Auto mit Inhalt wird an Soldaten geliefert. Die Soldaten werden sich über den Inhalt der Schuhkartons sehr freuen. Der Rest geht komplett in das Krankenhaus nach Saporischschja.

Hiervon werden wir dann die nächsten Tage auch Bilder erhalten.

Was wir nicht wussten: Der Zug in Lwiw hatte am Montag vier Stunden auf unsere Spenden gewartet. Immer wieder verzögerte man die Abfahrt, in der Hoffnung, dass unsere Spenden noch eintrafen. Diese Info lies uns erneut schaudern.  Hier erkennt man dann, wie wichtig diese Spenden sind und wie dringend darauf gewartet wird.

Am Dienstagabend um 18 Uhr kamen wir drei dann wieder glücklich, voller Adrenalin aber auch todmüde zu Hause an.

Nun ausgeschlafen, Bilder und Erlebtes ein wenig verarbeitet, Kraft getankt…und

WIR MACHEN ALLE WEITER! Unsere Spenden werden so dringend benötigt. Helft und Helfen Sie!

Euer MonteHelps-Team❤